Mein Vater sagt immer „Es gibt zu viel Welt und zu wenig Leben.“ Kein Wunder, will er doch jede Ecke der Welt bereisen und keinen Kontinent unentdeckt lassen. Da empfiehlt es sich für reisefreudige Kosmopoliten durchaus, sich eine Reise-Bucket-List zu erstellen, mit seinen ganz persönlichen „10 placed you have to see before you die.“ Der Platz 1 auf meiner Mountainbike-Bucket-List ist bereits fix vergeben, an eine Destination, die Viele noch nicht am Radar haben, die noch als Geheimtipp gilt, aber enormes Kultpotential besitzt: Slowenien verdient sich den Rang auf unserer „10 Places you have to bike before you die“-Liste mit jeder Menge unberührter Natur und seinem ganz eigenen Charme. Es hat sich längst ganz tief in unsere Herzen eingraviert.

Wenn man schon in einigen nationalen und internationalen Mountainbike-Hotspots unterwegs war, fällt einem die Unberührtheit Sloweniens besonders schnell auf. Hier fühlt sich alles irgendwie authentischer, unverbrauchter, natürlicher an. Spätestens nach den ersten Touren durch die unglaublich grünen Täler und imposanten Berge und den ersten herzhaften Begegnungen mit den Menschen hier, drängt sich unweigerlich der Gedanke auf: So muss sich ein echter Geheimtipp anfühlen. Wer viel reist, wird mir beipflichten: heute ist es nicht mehr so einfach, solche Flecken abseits von Trubel und Massen zu entdecken. Ljubljana, Maribor und Bled haben viele Reisende noch am Radar, doch das traumhafte Hinterland des EU-Mitgliedstaates zwischen Soča, Save, Drau und Mur hält vor allem für Natur- und Bergliebhaber und Mountainbiker einiges parat.

© Jošt Gantar

Ziemlich klein, aber oho

Unser Nachbar ist verhältnismäßig klein, – immerhin ist der Staat nur etwa so groß wie das deutsche Bundesland Rheinland-Pfalz – dank seiner unterschiedlichen und dynamischen Landschaftsformen aber überraschend abwechslungsreich. Abenteuerlustige Biker können jeden Tag eine andere Region ins Visier nehmen und so das ganze Land im Handumdrehen entdecken. Den Osten und Südosten prägen dabei Ebenen, sanftes Hügelland und Weinberge (die ebenso wie das mediterrane Klima stark an die Toskana erinnern); den Nordwesten das Alpenvorland und die Alpen.

Mehr als 60% der Gesamtfläche sind mit Wald bedeckt – das Gefühl hier überdurchschnittlich viel Grün zu sehen, täuscht also nicht! Die zweite charakteristische Naturform sind Berge, Gebirgszüge und unzähligen karstige Gipfel. Die Hochgebirgszüge der Julischen Alpen kommen hier ebenso zum Tragen, wie die Karawanken, die Steiner Alpen und die südlichen Kalkalpen. Mit stolzen 2.864 Metern ist der charakteristische Triglav nicht nur höchster Gipfel Slowenien sondern auch Namensgeber des wunderschönen Nationalpark Triglav, Landes-Wappen-Berg, Nationalsymbol &- stolz. Und der „Dreikopf“ und seine Umgebung sind natürlich auch begehrte Spielwiese für uns Mountainbiker.


Das Angebot für Biker bietet die volle Range und spannt sich von Strecken für Familien mit Kindern über Straßenrennrad-Routen bis hin zu Mountainbike-, Gravel- und Trekkingtouren. Tous chemins vont à Slovenia – wenig befahrene Nebenstraßen, Bikeparks und Fernradwege – alle Wege führen nach Slowenien. Dabei geht’s mit statistischer Wahrscheinlichkeit fast immer an einem See, einem Wildbach oder steilen Berggipfeln vorbei, durch kleine, idyllische Ortschaften, Weinberge und üppige Wälder oder über nackte Felsen – oder auch mal durch stillgelegte Stollen, Eisenbahntunnel oder Höhlen, über Hängebrücken und wenn man möchte, sogar bis ans Meer. In Istrien und im Karst lässt sich Dank des milden, mediterranen Klimas das ganze Jahr über Radfahren. Schon allein diese Saisonverlängerung verdient einen fetten MTB-Pluspunkt.

Triglav Nationalpark & Singletrailpark Jamnica

Die Frage, ob in die Berge oder lieber doch aufs Rad, stellt sich in den Slowenischen Alpen nicht. Denn die Mountainbike-Trails bieten der ganzen Familie und allen Könnerstufen passende Möglichkeiten. Forststraßen, die durch einsame Wälder führen, naturbelassene Pfade und Routen durch wilde Flusstäler stehen hier ebenso am Programm wie sehenswerte Abenteuer Singletrails. Spezialisierte Unterkünfte für Biker sowie digitale Karten und Touren runden das Angebot ab. Und auch die Infrastruktur für E-Mountainbikes wird in den MTB-Regionen kontinuierlich ausgebaut.


Der Triglav Nationalpark mit seinem smaragdgrünen Fluss im Soča Tal, sollte bei einem Slowenien-MTB-Urlaub unbedingt mit eingeplant werden. Die Region Gorenjska – zu Deutsch Oberkrain – gilt als der perfekte Ausgangspunkt dafür, da biken im Nationalpark naturgemäß nur in speziellen Bereichen gestattet ist. Und das ist auch gut so, denn so ein einzigartiges Naturjuwel muss geschützt werden. Mountainbiker erkunden den Nationalpark dabei auf alten Militärwegen oberhalb der Soča, radeln bis an den Bleder See, der für seine kleine Insel samt Marienkirche bekannt ist, und belohnen sich mit einer legendären Bleder Cremeschnitte.

Der zweite Fixpunkt ist zweifellos der Singlepark Jamnica, etwas weiter östlich in der Region Koroška: Gleich 12 Trails unterschiedlicher Schwierigkeitsstufen bieten endloses Downhill-Vergnügen. Wem das Uphill zu schweißtreibend ist, der ist in der MTB Zone Bike Park Petzen besser aufgehoben: in der grenzüberschreitenden Location der Enduro World Series steht ein Lift für dich und dein Bike zur Unterstützung zur Verfügung, bevor es über den herrlichen Flow Country Trail 11 Kilometer lang ins Tal geht.

© Tomo Jeseničnik

In sLOVEenia with the bike

Davon wie bikeverliebt (um nicht bikeverrückt zu sagen) die Slowenen sind, zeugt nicht nur die wachsende Zahl an Mountainbike-Hotels und entsprechendem Angebot, sondern auch die zahlreichen MTB-Events im Land, wie etwa das Black Hole Bikefestival, das Bled Bike Festival durch die Julischen Alpen, das MTB-Bikefstival Pohorje, die Tour of Slovenia oder das coole Soca Outdoor. Und natürlich der Stolz aller slowenischen Rennradfans, der zweifache Tour de France Sieger Tadej Pogačar und der Olympionike Primoz Roglič.

Hier fährt man einfach Rad – ob über Asphalt, Trails oder Stock & Stein bleibt jedem selbst überlassen – und genießt die authentische Atmosphäre. Womit wir wieder bei dem Reisedilemma meines Vaters wären: Es gibt zu viel Slowenien, für nur einen Urlaub.

Nina Weidinger

Wortliebhaberin. Contentcreator. Textdesigner. Sportslover.

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